Was können wir heute aus der Geschichte lernen? Dieser Frage gingen 30 Schülerinnen und Schüler der Klassen 8a und 9a der Pestalozzi-Regelschule Apolda drei Tage lang intensiv auf den Grund. Als eine von nur 12 Klassen thüringenweit erhielten wir den Zuschlag für das EU-Projekt „Gear UP!“ des Eine Welt Netzwerks Thüringen e.V. – eine Chance, die uns nachhaltig beeindruckt hat.
Ein bemerkenswertes Zeitzeugnis
Ein Tagebuch ist etwas zutiefst Persönliches – ein privater Rückzugsort für Ängste und Träume. Dass wir heute Annes intimste Gedanken lesen dürfen, ist ein bemerkenswertes Privileg. Ein authentischeres Zeitzeugnis gibt es wohl kaum: Es lässt uns die Geschichte durch die Augen eines Mädchens erleben, das uns in seinem Wesen so ähnlich ist.
Das Leben hinter dem Bücherschrank
„Ich höre bei jedem Geräusch, ob es nicht jemand ist, der kommt, um uns zu holen. Wir müssen den ganzen Tag über auf Zehenspitzen laufen und ganz leise sein...“ (Anne Frank)
Wie muss es sich angefühlt haben, über zwei Jahre lang in einem geheimen Hinterhaus in der Prinsengracht 263 in Amsterdam verborgen zu leben? Der einzige Zugang war hinter einem drehbaren Bücherschrank getarnt. Besonders intensiv diskutierten wir darüber, dass Anne als Jugendliche kaum einen Rückzugsort hatte und sich ihr winziges Zimmer sogar mit einem fremden Mann teilen musste. Die ständige Angst vor Entdeckung und die absolute Stille am Tag machten Geschichte für uns greifbar: Aus einer historischen Figur wurde ein Mensch mit Schicksal.
„Deine Anne“ im ehemaligen Nazi-Bau
Der Auftakt führte uns nach Weimar in das heutige Museum für Zwangsarbeit. Dass die Anne Frank-Ausstellung ausgerechnet in diesem ehemaligen Gauforum – einem massiven Bau der Nationalsozialisten – stattfand, erzeugte ein beklemmendes Gefühl.
Besonders positiv blieb die Begleitung durch die Peer-Guides Lilli, Lennard, Jakob und Marta in Erinnerung. Da die Guides im gleichen Alter wie unsere Schüler waren, fühlten sich alle sofort „abgeholt“. In einem intensiven zweitägigen Workshop hatten sie sich zuvor auf ihre Aufgabe vorbereitet. Für unsere Jugendlichen war dies eine willkommene Abwechslung zur herkömmlichen Museumsführung.
Ein Moment blieb dabei besonders im Gedächtnis: Als die Guides auflisteten, was Anne als Jüdin während des NS-Regimes alles nicht mehr durfte – vom Kinobesuch bis zum Schwimmbadverbot –, herrschte betroffene Stille. Für heutige Jugendliche ist eine solche totale Ausgrenzung aus dem Alltag einfach unvorstellbar. Dieser Austausch auf Augenhöhe regte viele ehrliche Gespräche über Zivilcourage an.
Spurensuche und Kontraste auf dem Hauptfriedhof
„Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber man kann verhindern, dass es wieder passiert.“ (Anne Frank)
Gemeinsam mit Vertretern des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. besuchten wir verschiedene Gedenkstätten auf dem Weimarer Hauptfriedhof. Die räumliche Nähe zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg war dabei ständig präsent. Auch, dass mehr als 2000 Juden im Friedhofskrematorium verbrannt und später auf dem Gelände verscharrt wurden, ließ vielen den Atem stocken.
Besonders bewegend war der Besuch am Grab der jüdischen Familie Schmidt. Die Geschichte dieser verfolgten Weimarer Bürger machte das Unrecht, das direkt vor unserer Haustür geschah, schmerzlich deutlich. Im krassen Gegensatz dazu stand die Entdeckung auf dem Gräberfeld des Zweiten Weltkriegs, wo NS-Offiziere direkt neben unschuldigen Soldaten liegen. Diese Nachbarschaft von Tätern und Opfern führte zu einer intensiven Reflexion über Menschenrechte und die Folgen rassistischer Denkmuster.
Soziale Ungleichheit & Kreativ-Workshop
„Wie wunderbar ist es, dass niemand auch nur eine Minute zu warten braucht, um die Welt langsam zu verändern!“ (Anne Frank, 26. März 1944)
Bildungsreferent Christian-Friedrich Lohe (Stiftung EJBW) verdeutlichte soziale Ungerechtigkeit durch ein Spiel mit veränderlichen Regeln. Wir diskutierten hitzig darüber, wie wir heute aktiv Ungleichheiten abbauen können.
Den Abschluss bildete ein Kunstworkshop unter der Leitung von Dr. Christoph Mauny und Dozent*innen der Mal- und Zeichenschule Weimar. Wir gestalteten ein gemeinsames Leporello (Zickzack-Faltbuch) und nutzten die Cyanotypie (Blaudruck durch Sonnenlicht). Was mit Unsicherheit begann, endete in Stolz: „Ich hatte erst nicht so richtig Lust, aber ich find’s voll cool!“, resümierte ein Teilnehmer.
Ein Fazit, das bleibt
Ein großes Dankeschön gilt allen Referentinnen und Referenten, der Schulleitung sowie den Lehrkräften, die das Projekt unterstützt haben. Sie alle haben dieses Projekt ermöglicht. Wir nehmen die Motivation mit, unsere eigene Perspektive immer wieder zu hinterfragen.
Schaut vorbei! Das beeindruckende Leporello mit den Kunstwerken der Klassen 8a und 9a wird in Kürze im Schulgebäude ausgestellt. Wir laden alle herzlich ein, sich selbst ein Bild von unserer Arbeit zu machen.
(Verfasserin: Melanie Fischer)